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„Eine Win-Win-Situation“

26.09.2008

Coburg – „Die Gesellschaft wird sich den Konflikt zwischen Beruf und Familie nicht mehr leisten können. Alle müssen sich auf den demographischen Wandel einstellen. Wir können unsere hochqualifizierten Mitarbeiter nicht länger vor die Wahl zwischen Familie und Beruf stellen“. Dieser Meinung war Helmut Schneider vom Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik beim Fachkongress „Familienfreundlichkeit rechnet sich richtig“ am Donnerstag an der Hochschule Coburg und fand damit allgemeinen Konsens.

Familienfreundlichkeit sei zurzeit ein In-Thema und werde trotzdem noch zu wenig praktiziert. Moderatorin Petra Gerster, bekannt aus den heute-Nachrichten des ZDF und selbst Autorin mehrere Bücher über Erziehungsfragen, berichtet, dass sie bereits vor 20 Jahren Sendungen rund um dieses Thema gemacht habe. „Warum tut sich Deutschland als reiches Land so schwer gerade diesen Weg zu gehen?“ war ihre Frage an die Diskussionsrunde mit Helmut Schneider, Staatssekretärin Melanie Huml (Sozialministerium), Stefan Böhme vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung, Nürnberg, Buchautorin Susanne Bohn und Jörg Rabe von Pappenheim, Vorstand des als besonders familienfreundlich ausgezeichneten Nürnberger Marktforschungsunternehmens Datev.

Schneider meinte das Thema sei „nach wie vor ein dickes Brett“. Es gelte viel Überzeugungsarbeit zu leisten, um die Unternehmen zum Umdenken zu bringen. Und das, obwohl der demographische Wandel und der zunehmende Mangel an Fachkräften durchaus Gründe seien, damit sich Unternehmen Gedanken darüber machen, wo sie künftig geeignete Mitarbeiter herbekommen. „Erst jetzt, wo sich die Wirtschaft gezwungen sieht, sich damit auseinanderzusetzen, tut sich etwas“, sagt er.

Darüber, dass sich Familienfreundlichkeit für Unternehmen rechne, waren sich alle einig. Familienfreundliche Unternehmen seien als Arbeitgeber attraktiver, hätten produktivere Beschäftigte mit weniger Fehlzeiten und einer hohen Bindung an das Unternehmen, meinte der Coburger Landrat Michael Busch, im Vorfeld der Diskussion.

Hinzu käme, dass auch die Geburtenrate steige, je höher die berufliche Qualifizierung von Frauen sei. Bei reinen Hausfrauen sei sie im Vergleich niedriger, fügte Gerster hinzu.

Trotzdem sei Familienfreundlichkeit in Unternehmen noch nicht selbstverständlich und häufig kein Bestandteil der strategischen Ausrichtung eines Unternehmens, meinte von Pappenheim. Familienfreundlichkeit beginne im Management. Es müsse von dort aus gelebt und implementiert werden und dürfe nicht nur ein „Aufkleber“ sein. Gerade das sei aber häufig noch nicht der Fall. Die Datev führe deshalb in Führungsebenen Seminare durch, um ein Bewusstsein für dieses Thema zu schaffen. Auch die Datev sei noch nicht am Ende des Weges angekommen. „Wir haben nach wie vor Ziele“, sagte von Pappenheim.

Hart ins Gericht ging Gerster mit Staatssekretärin Melanie Huml. Die niedrigste Quote an Abiturienten im Ländervergleich, die meisten Schulabbrecher, eine Quote von nur rund 15 Prozent bei den Betreuungsmöglichkeiten für Unter-Drei-Jährige und ein Schnitt von 11,5 Kindern pro Betreuerin in Bayern. „Ist das Ihr Ernst?“, war die Frage, der sich Huml stellen musste. Die Staatssekretärin konterte unter anderem damit, dass in Bayern auch ohne Abitur ein Studium möglich sei, die Quote für die Betreuung der Unter-Drei-Jährigen bedarfsorientiert auf 30 Prozent ausgebaut werden soll und Schulkinder nach dem Unterricht in Kindergärten gehen können. Trotzdem räumte sie ein: „Das ist natürlich kein Idealzustand.“ Es gebe Nachholbedarf bei den Betreuungsmöglichkeiten.

Das Familienfreundlichkeit von Unternehmen zu Unternehmen sehr unterschiedlich aussehen kann, berichtet Susanne Bohn. Die Buchautorin hilft Firmen dabei, sich als familienfreundlich zu zertifizieren. „Wir schauen, was bedarfsorientiert, leistbar und mit möglichst wenig Aufwand umsetzbar ist. Das ist ganz individuell“, sagte sie. Wer Interesse habe, könne sich an sie wenden.

Stefan Böhme wies auf den Wandel in der Arbeitswelt hin. Ungelernten werde mehr und mehr die Arbeit ausgehen, meinte er. Stattdessen seien Fachkräfte zunehmend gefragt. „Und das sind Frauen“. Um diese zu bekommen, sei eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf notwendig. Zum Nutzen aller Beteiligten: der Unternehmen, die motivierte Mitarbeiter haben, und der Frauen, die sich nicht zwischen Kind und Karriere entscheiden müssten. Petra Gerster schlussfolgerte: „Nur da, wo Familie gelingt, kann auch Wirtschaft gelingen. Familienfreundlichkeit in Unternehmen ist eine Win-Win-Situation“ .

Quelle: Neue Presse vom 26.09.2008
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